Trugbilder

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Trugbilder (c) Martin GriesWie jeden Morgen ging sie in das Bistro zum Frühstücken. Wie jeden Morgen war für zwei gedeckt. Und als sie sich setzte kam ein beflissener Kellner und beseitigte das überzählige Gedeck. Vielleicht wäre es abdingbar gewesen, aber wie jeden Morgen versetzte es ihr einen Stich. Dabei hatte sie sich seit Jahren damit abgefunden allein zu sein. Sie war einfach nicht der Typ dafür. Sie wusste, sie war unansehnlich und uninteressant. Sie war weder redegewandt noch konnte sie jemanden für sich gewinnen. Trotzdem wäre es ihr lieber gewesen, es stände nur ein Gedeck an ihrem Platz oder der Ober ließe das zweite einfach stehen.

Sie war ersättlich. Als sie fertig war und ging, schmachtete ihr wie jeden Morgen der Mann nach, der zweieinhalb Tische weiter hinten saß. Seit Jahren traute er sich nicht auf sie zuzugehen. Er sah ja auch, dass sie nicht angesprochen werden wollte. Wie sie souverän und wortlos das zweite Gedeck wegschaffen ließ.
Er wusste, sie anzusprechen, dafür war er nicht der Typ. Sie spielte mehrere Ligen über ihm. Charmant und klug und schön, wie sie war.

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