Konfektion

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Konfektion (c) Martin GriesAls Du neu in die Klasse kamst, kämpften wir anderen noch den ungewohnten Proportionen und dem widersprüchlichen Druck, einerseits etwas Besonderes zu sein und sich andererseits nicht in den Vordergrund zu stellen. Das führte zu modischen Fehlgriffen, die mit weniger verzweifelten Enthusiasmus schon damals zu Zahnschmerzen geführt hätten.
Du warst da anders. Stilsicher und auf eine gewisse Art schon fertig.
Ich hab damals erlebt, wie Du eingekauft hast. Du gingst in einen Laden, sahst Dich schlüssig um und griffst nach den richtigen Dingen.
Du hast uns mächtig eingeschüchtert, weil Blick und Haltung zu den Klamotten passten. Dabei waren wir uns noch nicht mal sicher, ob Du das wusstest oder beabsichtigt hattest.
Nur in Momenten, in denen Du Dich unbeobachtet fühltest, wenn Du zum Beispiel im Flur standest und sagen wir überlegtest, ob nach links zur Bushaltestelle gehen solltest oder nach rechts in die Cafeteria, um auf mehr Leben in der Stille zu warten, dann sah es aus, als ob Dir alles eine Nummer zu groß wäre. Ratloser und einsamer als unsere Bewunderung es zugelassen hätte.

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